vor einem knappen Jahrzehnt trafen wir uns das erste Mal. Kannst du dich daran erinnern? Ich schon! Schön war das damals! Wir haben auf dem Boden miteinander gebalgt. Ich war erst wenige Wochen alt und du hattest dich sofort in mich, die kleine, dicke Fellkugel, verliebt.
Wenige Wochen später durfte ich dann bei euch einziehen. Das war aufregend. Du bist immer hinter mir her gesaust und hast versucht meine Würstchen in deinen Händen aufzufangen, bevor sie auf dem Teppich landeten. An dem Tag, als es dir schließlich gelang, war der Spaß für mich vorbei. Alle haben schallend über mich gelacht. Das fand ich doof. Deshalb lege ich seitdem meine Würste nur noch in schönes grünes Gras!
Gemeinsam bewältigten wir so manche Krisen. Besonders schwierig waren die Abschiede von geliebten Menschen. Damals schlossen wir den Packt uns gegenseitig zu trösten. Stundenlang haben wir auf deinem Bett herumgelegen und gekuschelt. Besonders nachts hast du mich in dein Zimmer gelotst.Du wolltest mit deinem Kummer nicht alleine sein. Also hab ich dir mit meiner klebrigen Zunge das Gesicht abgeschlabbert, bis du zu glucksen angefangen hast. Vor Glück endlich dein Kichern zu hören, habe ich mich dann sofort auf den Rücken geschmissen und mit den Beinen in der Luft herumgezappelt.
Wir haben so einigen Unfug zusammen getrieben. Weißt du das noch? Anfangs bist du sehr viel mit mir Gassi gegangen. Im Winter hast du mir Schneemänner gebaut. Sie haben nie lange überlebt. Erst habe ich die dummen, weißen Männer angebellt wie blöd. Ich dachte doch sie würden mit mir fangen spielen. Aber mit denen war nichts los. Die hatten nicht einmal Angst vor mir. Also habe ich sie alle mit vollem Eifer unter lautem Gezeter wieder zerpflückt. Du hast dich dabei jedes Mal vor Lachen gekugelt. Ich war deine Schneekönigin!
Deine Beine wurden von Jahr zu Jahr länger und deine Gassigänge mit mir im gleichem Maß kürzer und seltener. Du brauchtest plötzlich viel Zeit für deine neue große Liebe, die elektronische Maus! Mit der hast du stundenlang gespielt. Mein Kläffen und Jammern um Aufmerksamkeit nützte nichts, gegen sie hatte ich keine Chance. Nur abends, wenn die Maus endlich schlafen gegangen war und du dir im Bett noch einen Film einverleibt hast, dann konnte ich wieder mit dir kuscheln und mich an dich drücken. Das war schön! Nicht lange und auch diese Zeiten wurden seltener. Immer öfter kamst du abends nicht mehr nach Hause.
Du hattest plötzlich eine neue, eine zweibeinige Königin! Bei ihr bist du geblieben und hast gekuschelt. Ich lag traurig und einsam auf deinem Bett. Bei jedem Geräusch habe ich meine Ohren gespitzt, auf keinen Fall wollte ich deine Heimkehr verschlafen.
Inzwischen ist selbst dein Bett nicht mehr da. Das Haus trägt nur noch schwach deinen Geruch. Selten kommst du und schaust in unserer alten Hütte vorbei. Zeit hast du wenig, wirbelst lediglich kurz durch die Räume und weg bist du. Kein Gassigang. Kein Kuscheln. Nur ein hastig zugeworfenes Leckerli. Mit hängendem Kopf sitze ich traurig hinter der Tür. Wer tröstet mich jetzt? Ich vermisse dich!
Deine alte, kleine und dicke Fellkugel B.B. (Copyright by C.S.K Herbst 2007)
Erzählung: Kleiner Mann
Schmetterlinge tanzten in meinem Bauch. Draußen zwitscherten die Vögel, es war Frühling und ich war verliebt. War völlig durcheinander. Seit Tagen saß ich stundenlang vor meinem Computer und starrte sein Bild im Internet an. Ein Spanier hatte es mir angetan. Ich träumte von ihm, von seinen dunklen, melancholischen Augen. Flehend, nein beschwörend, sahen sie mich an. Magie war im Spiel. Wegsehen und nicht mehr an ihn denken war mir unmöglich. Tief im Innersten wusste ich, dass er der Richtige für mich war. Obwohl ich bislang nichts weiter über ihn wusste, hatte mein Herz längst den Kampf mit dem Vernunftkerl im meinem Kopf gewonnen und beschlossen den Spanier zu mir nach Deutschland zu holen. Aber es galt den Widerstand meiner Kinder zu überwinden.
“Mutter, du spinnst doch jetzt wohl komplett”, fauchte mein pubertierender Erstgeborener, sobald er von meinem Ansinnen hörte. “Du mit deinem beschissenen Helfersyndrom. Wie hast’e dir das denn vorgestellt? Glaubst’e allen Ernstes der passt hier rein? Du weißt doch gar nichts über den. Am Ende ist der gefährlich!” Verzweifelt versuchte ich an sein Mitgefühl zu appellieren. “Ach Karl, schau dir doch nur mal die Augen an. Aus ihnen spricht seine Seele und bittet um unsere Hilfe. Er hat dort keine Chance. Ich muss ihn holen, bitte steht hinter mir. Ich muss es einfach tun.” Während Karls Miene sich zusehends verdüsterte, kroch das flaue Gefühl von meinem Magen langsam nach oben und ich wusste, als nächstes würde dieser eklige Brechreiz folgen. Schnell warf ich meinem Jüngsten einen flehenden Blick zu. “Was meinst du?” “Oh Mama, ob das so eine gute Idee ist? Denk doch an die Mädels! Wie werden die sich fühlen, wenn so ein Fremder hier einzieht? Ich weiß auch nicht, ob wir das schaffen können”, stammelte Frederick und vermied es dabei tunlichst seinen großen Bruder anzusehen. War das ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich? Fing wenigstens er an die Dinge so zu sehen wie ich? Typisch, im Gegensatz zu seinem Bruder, dachte er an die Gefühle der Mädels. Über sie hatte ich mir auch schon den Kopf zerbrochen. Unsere beiden Hundedamen, alias “die Mädels”, würden einen Neuzugang bestimmt nicht ohne Protest willkommen heißen. Trotzdem! Wieder sah ich das Bild des Spaniers vor meinem inneren Auge. Sein verzweifelter Blick, sein Flehen krochen durch mich hindurch. Irgendwie fühlte ich eine unerklärliche Nähe zu ihm, als würde uns ein unsichtbares Band verbinden. Das durfte nicht durchtrennt werden. Ich fühlte die Gefahr, in der dieser kleine Mann schwebte. Er war bereits dem Tode geweiht. Abgeschoben, ungeliebt. Zivilisationsmüll. Entsorgt und hinter Gitter gesperrt. Eingelocht in einem überfüllten andalusischen Hunde-KZ. Eine unschuldige Hundeseele, geschunden und gequält und sein Name auf der berüchtigten Todesliste. “Mutter, hörst du mir überhaupt zu?” Karl riss mich aus meinen Gedanken. Sein puterroter Kopf sah aus wie eine überreife Tomate kurz vor dem Platzen. Was hatte er da eben gesagt? Mein fragender Blick schien ihn anzuspornen. “Ich will ihn nicht. Ich bin dagegen und protestiere entschieden. Hörst du ich will ihn nicht! ” zischte er weiter. Der mir in der Kehle steckende Brechreiz wandelte sich schlagartig in fassungslose Wut über sein Unverständnis. Mir war nach Schreien zumute. Ich musste dieser Diskussion schnellstens ein Ende bereiten. Mit dem letzten Rest an Beherrschung raunte ich: “Liebes Kind, in dieser besonderen Angelegenheit ist es mir schlicht egal, was du willst. Ich halte mich ausnahmsweise einmal an das was ich will. Der Tierschutzorganisation habe ich bereits mitgeteilt, dass sie den Hund für uns dort rausholen sollen. Alles ist in die Wege geleitet.”
Karls Kinnlade klappte nach unten, doch schon im nächsten Augenblick zog er deutlich hörbar Luft ein. Gleich würde er wieder loslegen. Ich musste ihm zuvorkommen.
“Frederick, ich verspreche dir, wenn es nicht klappt mit den Mädels und dem Neuen, dann werden wir dem kleinen Hundemann ein gutes neues Zuhause finden. Mein Ehrenwort! Und jetzt lasst uns ins Bett gehen, es ist spät.”
Fluchtartig verließ ich daraufhin das Zimmer. Panik machte sich in mir breit. Tausend Gedanken und der Vernunftkerl mit seinen Argumenten schwirrten durch meinen Kopf. Ich war lange nicht so zuversichtlich, wie ich mich bei den Kindern gegeben hatte. Zitternd kroch ich ins Bett. Es wurde eine unruhige Nacht mit Schlaflosigkeit und Alpträumen, die von Hunden, Chaos und Versagen handelten.
Der ohrenbetäubende Klagelaut des Weckers riss mich aus dem Schlaf. Die Mädels räkelten sich unwillig am Fußende des Betts. Noch eine Viertelstunde dösen, dachte ich und rollte auf die Seite. Im Halbschlaf ließ ich meine Hand über die Bettkante baumeln. Jetzt konnte ich ihn fühlen. Sachte krabbelte ich mit den Fingerspitzen über seinen Pelz. Ein wohliges Brummen war zu hören. Er genoss die morgendliche Streicheleinheit. Leise flüsterte ich: “Kleiner Mann, heute haben wir Jahrestag! Lass uns den Frühling genießen und deine Auswanderung, dein zweites Leben, das Internet und natürlich die Liebe feiern.“
( copyright by C.S.K. Januar 2008)
Das Urheberrecht für die Texte auf dieser Seite liegt bei uns und Frauchen. Der Download sowie der Ausdruck von Texten ist nur zum persönlichen, privaten und nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.